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Autor Tobi Rosswog im Gespräch über sein Buch "After Work"

November 2018 · Autor Tobi Rosswog im Gespräch

Tobi Rosswog lebt als freier Dozent, Autor und Aktivist im Raum Hannover und setzt sich für ein geldfreieres Leben ein. Er selbst hat 2,5 Jahre konsequent geldfrei gelebt und hat es sich nun zum Ziel gemacht den Menschen einen Einblick in die Idee eines geldfreien Lebens zu geben und einen Wandel hin zu einer Gesellschaft jenseits von Arbeit, Eigentum und Geld sowie Tausch zu fördern. Dafür ist er mit ca. 100 Vorträgen im Jahr aktiv unterwegs, lädt zu Perspektivwechseln ein und gibt praktische Anwendungstipps, wie ein Leben abseits von Geld und Tauschlogik möglich ist.

Nun hat er seine Visionen und Erfahrungen in einem Buch festgehalten. In „After Work“ kritisiert Tobi Rosswog das Konzept der Arbeit und zeigt Alternativen auf, wie man ohne Lohnarbeit selbstbestimmt leben und sinnvoll tätig sein kann. Er lädt in seinem Buch ein, seine Tätigkeit und Alltag zu hinterfragen und zu überlegen, was man wirklich zum Leben braucht. Um die eigene Existenzsicherung anders zu organisieren, zeigt Tobi Rosswog Alternativen auf beispielsweise durch Teilzeit, Jobsharing oder Arbeiten im Kollektiv ohne Vorgesetzten. Uns erklärt er, wie er zu dem Buch gekommen ist und gibt uns einen Einblick in seine Erfahrungen.

Tobi, Du setzt Dich seit ca. 10 Jahren aktiv für ein Leben jenseits von Eigentum, Arbeit und Geld ein. Wie ist es dazu gekommen, dass Du Dich mit dieser Thematik beschäftigst?

Da gab es viele Impulse. Ungefähr mit 17 Jahren kam es dazu, dass ich morgens beim Frühstück wie gewohnt das Toastbrot mit Mortadellabärchenwurst auf meinem Teller vorfand. In dem Moment wurde mir zum ersten Mal richtig bewusst, dass das eigentlich mal ein lebendiges Tier war und ich dafür mit verantwortlich bin, dass es getötet wurde. Das wollte ich nicht mehr unterstützen und wurde von heute auf morgen vegetarisch und kurze Zeit später dann aus meiner Sicht konsequenterweise vegan. Der Impuls dahinter war für vor allem, dass über diesen Tellerrand hinaus noch vieles mehr radikal in Frage zu stellen ist und nur, weil etwas angeblich normal, natürlich und notwendig ist, es nicht anders noch besser wäre.

Tobi Rosswog

Du hast bereits 2,5 Jahre konsequent geldfrei gelebt. Das können sich sicher viele Leser nicht vorstellen, wie sowas möglich sein kann! Wie konntest Du Dein Leben ohne Arbeit meistern?

Ich verschenkte damals all mein Geld und Besitz, um im Vertrauen loszureisen, dass alles was ich zum Überleben brauchen werde da sein wird. Und in unserer Überfluss- und Wegwerfgesellschaft war das gar kein Problem. Ich nutze einfach das was sowieso schon vorhanden war – das ist übrigens auch das Nachhaltigste was Du tun kannst, weil Du keine weitere finanzielle Nachfrage schaffst für ein Angebot was sowieso schon in Hülle und Fülle da ist. Konkret sah es so aus, dass ich beispielsweise via Foodsharing die durchschnittlich 45kg pro Supermarkt an genießbaren Lebensmitteln rettete und sie dann auch in so genannten Fairteilern weiter teilte. Kleidung zum Anziehen aus Umsonstläden oder von Kleiderschenkpartys, Wohnraum für ein Dach über den Kopf, wo ich eine Isomatte ausbreiten konnte und Autos, die einem beim Trampen von A nach B mitnehmen, gibt es mehr als genug, sodass ich dafür kein Geld brauchte. Deswegen war ich in dem Glück all meine Talente auch einfach so in die Gesellschaft zu bringen ohne mich verwerten zu müssen. Unter anderem gab ich auch damals bereits rund 100 Vorträge an Unis, auf Konferenzen und co. Außerdem organisierte ich Veranstaltungen, wie den Mitmachkongress utopival. Und zusätzlich war ich aktivistisch in verschiedenen Kontexten aktiv – unter anderem im Hambacher Wald.

Konntest Du von Deinem Umfeld Unterstützung für Deinen Lebenswandel erfahren? Sicherlich hast Du Bewunderung für so viel Durchhaltevermögen und Konsequenz erhalten, oder?

Zu Beginn waren einige natürlich in Sorge vor allem um meine Zukunft. Ein Studium erfolgreich abzubrechen, war für viele nicht ganz verständlich. Schließlich hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt einen Notendurchschnitt von 1,3 und hätte locker Karriere machen können. Aber das war und ist immer noch nicht mein Ziel. Meine gesamte Zeit, Energie und Motivation widme ich mit größter Freude dem gesellschaftlichen Wandel. Nach einer gewissen Zeit konnten die Menschen verstehen, dass es funktioniert und dass ich genug zum Leben habe. Die großartige Resonanz durch die immer häufigeren Vortrags- und Medienanfragen sowie großen Events, die nach kurzer Zeit „ausgebucht“ waren, schenkten mir Motivation und beruhigten die Zweifler*innen, weil sie merkten, dass der Weg doch sinnvoll ist.

Hast Du Vorbilder oder Menschen die Dich mit ihrem Lebensweg inspiriert haben? Wenn ja, welche und wie haben sie Dich inspiriert?

Es war auch ungefähr mit 17 Jahren Eugen Drewermann, der mich stark inspirierte. Denn mit meinen Idealen, die ich so konsequent wie möglich versuchte zu leben, war es nicht ganz leicht im Dorf. Die meisten Menschen meinten, dass ich auch noch erwachsen und dann wieder vernünftig werden würde. Genau in dieser Zeit halfen mir die Ideen Eugen Drewermanns, weil er trotz seiner damals fast 70 Jahren weiter an eine andere Welt glaubte und sich dafür einsetzte.

After Work

Nun kommen wir aber mal zu Deinem Buch :) Du setzt Dich sehr aktiv für einen Wandel der Gesellschaft weg von dem Konzept der Lohnarbeit, des Eigentums und des Geldes ein und hast diese Ideen nun in Deinem Buch „After Work“ festgehalten. Was hat Dich dazu bewegt darüber ein Buch zu schreiben?

Nach Vorträgen und Workshops wurde ich oft gefragt, ob ich nicht bereits ein Buch geschrieben hätte, wo Menschen das alles nochmal nachlesen können. Das musste ich bis jetzt immer verneinen. Doch witzigerweise kam im November 2017 der oekom Verlag aus München auf mich zu und fragte mich, ob ich bei ihnen ein Buch veröffentlichen mag. Nach kurzem hin und her, weil gleichzeitig bereits eine Agentur aus Hamburg mit mir Kontakt aufnahm, entschied ich mich für den Nachhaltigkeitsverlag aus München, weil ich mir dachte dort sicher idealistischer und radikaler schreiben zu dürfen. Und inhaltlich gibt es aktuell zu diesem Thema kaum bis gar keine Bücher, die in dieser Radikalität und in diesem Stil versuchen vermeintliche Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen und andere Wege anzudeuten. Ich hoffe sehr, dass dieses Buch einen Beitrag dazu sein kann, dass wir die Debatte über Geld, Tausch, Eigentum und vor allem Arbeit führen und uns Schritt für Schritt in eine befreite Gesellschaft bewegen.

In Deinem Buch entlarvst Du die Schwächen des Konzepts „Lohnarbeit“. Welche würdest Du als die größte Problematik des bestehenden Systems ansehen?

Die Schwächen zu priorisieren ergibt kaum einen Sinn, weil alles so eng verzahnt ist. Deswegen versuche ich in dem Kritikteil des Buches auf die Zusammenhänge beispielsweise zwischen Arbeit und Gehorsam, Konkurrenz, Zeit, Erfolg, Leistung, Gesundheit, Glück oder auch Umwelt und vielem mehr einzugehen. Um beim Thema Arbeit und Umwelt zu bleiben, sehe ich ein großes Problem darin, dass wir den Arbeitsfetisch unhinterfragt einfach so aufrecht erhalten. Dabei ist das Ganze nicht Gottgegeben und unveränderlich. Doch im Namen des Wirtschaftswachstums und der Arbeitsplätze rechtfertigen wir alles – beispielsweise das Abholzen des Hambacher Waldes, um weiter mit klimaschädlicher Kohle Energie zu erzeugen. In der Kommission für den Kohleausstieg, und dies kann stellvertretend für viele andere Wirtschaftsbereiche gelesen werden, werden klare Prioritäten gesetzt: erst die Arbeitsplätze sichern, dann die Umwelt bedenken. Gleich im ersten Satz des 6-Punkte-­Plans heißt es: »Die Politik der Bundesregierung dient der Schaffung von Vollbeschäftigung.«. Selbst in der Arbeitslogik macht diese Priorisierung aber keinen Sinn, denn haben wir die Umwelt erst vollständig zerstört, gibt es auch bald nichts mehr zu arbeiten. Wir dürfen uns klar machen, dass es auf einem toten Planeten keine Arbeitsplätze geben wird.

Du sagst in Deinem Buch „After Work“ dem Leben in Lohnarbeit den Kampf an. Das klingt für viele Menschen nach einem Traum, nicht mehr 40 Stunden in der Woche arbeiten zu müssen. Warum denkst Du, werden viele Menschen von ihrer Arbeit nicht erfüllt?

Weil sie ihre Arbeit in den meisten Fällen nicht selbst und frei gewählt haben, sondern sich um Geld zu verdienen und ihre Existenz sichern zu können, verwerten müssen auf dem Arbeitsmarkt und demnach nicht wirklich ihr Potential entfalten dürfen. Die eigene Lebenszeit an die Arbeitgeberin zu vermieten und sich selbst als Ware auf dem Arbeitsmarkt anzupreisen, kann sich nicht wirklich gut anfühlen. Das ist eine extrinsische Motivation, die eigentlich nie auf Erfüllung stoßen kann.

Das erste, das vielleicht einigen Menschen einfällt, wenn sie hören, dass Du Arbeit abschaffen möchtest, ist, dass man sich dann „auf die faule Haut“ legen kann. Aber dem ist nicht so. Denn Du hast ein anderes Konzept entwickelt, bei welchem die Menschen keineswegs untätig wären. Wie würdest Du dieses Konzept grob beschreiben?

Arbeit? Nein, danke! Faulsein? Keine Lust! Eine Gesellschaft jenseits der Arbeit bedeutet nicht mehr arbeiten gehen zu müssen und aus der Freiheit endlich tätig werden zu dürfen. Nicht fremdbestimmt, sinnentleert und destruktiv, sondern eben selbstbestimmt, sinnhaft und konstruktiv. Es ist eine Welt, die sich nach Bedürfnissen und Fähigkeiten organisiert. Dahinter steckt die Idee von Friederike Habermann, die sie Ecommony nennt. Es geht dabei um „Beitragen, statt tauschen“ und „Besitz, statt Eigentum“. Nach dieser Logik könnte frei nach Karl Marx in so einer Gesellschaft vorstellen, dass ich heute dieses und morgen jenes tue, morgens Brot backe, nachmittags Tomaten ernte, abends pflegerisch tätig werde und nach dem Essen einen Aufsatz über ein Thea­terstück schreibe – wie ich gerade Lust habe, ohne je Bäckerin, Gärtner, Pfleger oder Theaterkritiker*in zu werden. Das wäre doch fantastisch.

Du plädierst in Deinem Buch für ein selbstbestimmtes und verantwortungsvolles Leben und schreibst davon, dass Teil des Konzepts ist, dass Menschen anfangen aus intrinsischer Motivation heraus zu tätig zu werden, also aus innerem Willen. Wie können wir Selbstbestimmung wieder erlernen und unsere Stärken finden?

Auch dafür gibt es kein Patentrezept und vermutlich können Fragen dabei am besten helfen:

  • Was würdest Du tun, wenn Geld keine Rolle spielt?
  • Was brauchst Du eigentlich wirklich?

Vor allem sollten wir uns wieder trauen mit anderen Menschen darüber zu sprechen, um bemerken zu dürfen, dass wir doch ganz ähnliche Sehnsüchte teilen.

Du steckst das Honorar, das Du als Autor bekommst nicht in die eigene Tasche sondern förderst damit eine emanzipatorische Struktur, die utopische Freiräume schafft. Dabei können Menschen ohne Miete zu zahlen, eine Unterkunft finden. Das ist eine sehr schöne Idee!

Herzlichen Dank Dir für das Gespräch. Wir hoffen, Du kannst noch viel bewegen und viele Menschen mit Deinen Ideen erreichen.


Liebe Leser, lasst Euch inspirieren von vielen praktischen Alternativen hin zu mehr Freiheit und mehr Selbstbestimmung! Es lohnt sich!

Das Werk des Autors finden Sie hier bei uns.



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Tobi Rosswog

After Work

Taschenbuch 10/2018
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